Reisetagebuch Israel 8

„Bei uns ist das ganze Jahr Weihnachten…“

Bethlehem, wir nähern uns einer acht Meter hohen Betonmauer, die in Segmenten aufgeschichtet an alte Zeiten in Berlin erinnert. Davor bewaffnete Soldaten, nicht älter als 20 Jahre. Ein mulmiges Gefühl macht sich breit, ähnlich wie in Jericho. Unser Reiseführer Yaron darf hier nicht mit rein, er ist Jude und darf aus Sicherheitsgründen nicht in das palästinensische Gebiet. Hier in Israel unterscheidet man drei Zonen (A: Palästinenser, C: Juden und dazwischen B: hier leben beide miteinander). Wir gehen zuerst mit gebeugtem Haupt durch die Demutspforte in die Geburtskirche. Die Türöffnung wurde mehrmals verkleinert, um plündernden Horden den Weg zu erschweren. Wir haben großes Glück und können schnell in die Geburtsgrotte. Nach uns werden hier 200 Busse erwartet. Hinzu kommen verschiedene Ausflüge von Kreuzfahrtschiffen. Der erste Anblick der Kirche von innen ist erschreckend, der Bauzustand katastrophal. Das Dachgestühl ist marode und an den Wänden sind Spuren von Regenwasser erkennbar. Die Kirche wirkt dunkel und rußgeschwärzt von Weihrauch und Kerzen. An den Seiten stehen Baugerüste. Auf unsere Frage, warum hier nicht längst renoviert wurde, gibt es eine interessante Antwort: „Hier geht es nicht um Baukosten, sondern um Ansprüche, die sich durch die Sanierung ableiten ließen, denn vier Konfessionen streiten hier um jeden Quadratzentimeter. Wir flanieren weiter durch die Altstadt und besuchen die evangelische Weihnachtskirche. Dann geht es zu den Hirtenfeldern, sie wirken karg und steinig. In einer Grotte, in der Hirten einst zu Hause waren, feiern wir einen Gottesdienst. Weihnachtslieder, Gebete und die Weihnachtsgeschichte versetzen uns in eine merkwürdige Stimmung. Statt Kälte und Schnee, strahlt die Sonne bei 28°C. Statt Heimatkirche und Orgelmusik, eine dunkle Grotte mit einer leeren Futterkrippe. Doch der Ort, die Texte und Lieder beeindrucken trotzdem. „Wisst ihr, bei uns ist das ganze Jahr Weihnachten…“ erzählt uns der arabische Reiseführer. Nach einer Pause in einem Beduinenzelt warten wir diesmal bedeutend länger an der Grenze. Für die fliegenden Händler ein willkommener Markt. Hirtenflöten, gestickte Taschen, Ketten und vieles mehr wird feilgeboten. Der Nachmittag gehört einem Ort des Gedenkens. Yad Vashem ist die zentrale israelische Gedenk- und Forschungsstätte für Verfolgung und den Holocaust. Schweigend und bedrückt verlassen wir das große Areal.


vor der Geburtsstelle in der Geburtskirche in Bethlehem


ein Baby wird an der Geburtsstelle gesegnet


Gottesdienst in der Grotte auf den Hirtenfeldern