Die Kinder brauchen unsere Hilfe

Rückblick auf 15 Jahre Vereinsarbeit zum 20. Jahrestag des Reaktorunfalls von Tschernobyl.

Mit großen Augen steht die sechsjährige Tanja Kalinitsch am Tor des Schulgeländes von Koselje. Sie beobachtet gemeinsam mit vielen anderen Kindern das Ausladen des großen Lkws. Sorgfältig werden Kleider, Schuhe, Grundnahrungsmittel und viele andere Pakete durch die deutschen Helfer in der Turnhalle sortiert. Nach Dörfern geordnet beginnt das große Rechnen nach großen Listen. Wie viel Mehl, Zucker, Öl, Wurst- und Fischkonserven, Reis und auch Schokolade jeder Familie in den acht Dörfern zugeteilt werden kann. Die Kolchose stellt dann die Fahrzeuge zum Verteilen auf die Dörfer zur Verfügung und Tanja wartet wie ihre Freundinnen und Freunde mit ihren Eltern und ihrer „Babuschka“ vor ihrem Häuschen auf die kleine Unterstützung aus Jena. Tanja hat eine große Packung Kaugummis geschenkt bekommen, dass ist für sie wie Weihnachten. Von Jena hat sie schon gehört, dass liegt irgendwo in Deutschland. Die größeren Kinder aus seiner Schule waren schon dort. Zwei Tage Bus- und Zugfahrt, aber dann sei es wie im Schlaraffenland. Dort soll es alles zu kaufen geben und die Menschen leben gesünder und freundlicher als hier, wo alles verstrahlt ist.

So begann 1991 die Hilfe für die Kinder von Tschernobyl aus Jena. Die ersten Kinder kamen aus Gomel und Tschertscherk über die Minsker Hilfsorganisation. Dann suchten sich die ersten Jenaer Vereinsmitglieder eigene Partner vor Ort. Eine frisch gedruckte Karte, in denen die Strahlenbelastungen eingezeichnet waren und die Auskünfte des „Sowjets in Krasnopolje“, halfen den Jenaern vor Ort bei ihrer Auswahl. Das Einzugsgebiet von zwei Schulen und zwei Kindergärten in Koselje und Cholmoi nördlich von Tschernobyl sind bis heute die Grundlage. Hier ist die Radioaktivität in den Folgen des Reaktorunfalls Ende April 1986 durch den Wind angeströmt und mit dem Regen auf ihre Dörfer und Felder runtergekommen. Viele Dörfer wurden später zwangsevakuiert. Der Ort „Michinitschi“ – nur 10 Minuten von Cholmoi entfernt – erinnert an die Geisterstadt Pripjat, die heute immer wieder in den Medien zu sehen ist. Das neu gebaute Krankenhaus, die erst 1986 errichte Schule, das Kolchosgebäude und unzählige neue Steinhäuser wachsen immer stärker zu. Die Messungen mit dem Geigerzähler bestätigt die hohe radioaktive Strahlung. Und doch zieht es immer wieder Menschen zurück in ihre alte Heimat, weil man ja nichts sieht, oder hört, nichts riecht oder schmeckt.

Rund 700 Kinder aus den acht Strahlenbelastenden Dörfern rund um Tschernobyl konnten in Jena und Umgebung bei engagierten Gasteltern seither begrüßt werden. Zahlreiche Arztbesuche und Behandlungen, mehrer Operationen und zahlreiche Kinderveranstaltungen wurden organisiert und liebevoll gestaltet. 20 Kleine und große Hilfstransporte im Wert von über 400 Tausend Euro gingen bisher auf den Weg, darunter viele Medikamente, Verbandsmaterialien und technische Geräte aus der Jenaer Uniklinik und vielen privaten Arztpraxen, brachten Jenaer Vereinsmitglieder in das Krankenhaus der Kreisstadt Krasnopolje. Mit 14 Stipendien wurde jungen Studentinnen aus den Schulen ein Studium ermöglicht, dass ihnen und ihren Familien eine ganz neue Lebenschance ermöglicht.

Auch die heute 19 jährige Tanja Kalinitsch war unterdessen schon zweimal in Jena. Sie gehört zu den glücklichen Studentinnen, die derzeit über die Kirchgemeinde Magdala und den Jenaer Verein ein Stipendium erhält. Die Hilfsaktionen haben sich seit den Anfängen verändert. Die Politik in Weißrussland macht vieles schwerer. Zwar müssen die humanitären Helfer nicht mehr stundenlang an den Grenzen verweilen, aller alles soll hoch verzollt werden und dafür fehlt dem Verein das nötige Geld. Auch die Kinderaufenthalte werden schwieriger. Das Land Thüringen und auch die Stadt Jena hat die finanzielle Unterstützung eingestellt. Tschernobyl ist für viele halt doch weit weg!

Der Jahrestag des Unglücks von Tschernobyl sollte uns alle daran erinnern, das die Menschen – vor allem die Kinder - unsere Hilfe dringend brauchen. Die gewachsenen Freundschaften der Familien von Jena und der Dörfer rund um Krasnopolje hat die 1600 Kilometer in den zurückliegenden 15 Jahren Vereinsarbeit überwunden. Der Verein „Hilfe für die Kinder von Tschernobyl“ und seine Mitglieder und Sympathisanten hat in den zurückliegenden 15 Jahren hervorragende Arbeit geleistet, die alle Anerkennung verdient. Nun brauchen die Helfer selbst Hilfe, um diese Hilfe auch künftig in diesem Umfang weitergeben zu können. Liebevolle Gasteltern die den Kindern von Tschernobyl ein friedliches Zuhause auf Zeit schenken, Kleine Geldspenden zur finanziellen Absicherung der Hilfsaktionen und die Aufmunterung für ihr Engagement. Vielleicht lassen sich auch die Verantwortlichen aus der Politik wieder in die Pflicht nehmen, so wie es früher einmal war.

Pfarrer Martin Krautwurst.

Nähere Informationen bei Pfr. Martin Krautwurst oder auch im Internet unter: www.kirche-magdala.de oder per Telefon unter 036454/50207.


Swetja mit ihrem Bruder Kolja aus dem Nachbarhaus von Tanja Kalinitsch aus Cholmoi


Das neugebaute Krankenhaus das nie benutzt werden konnte


Die Schule in der Geisterstadt, hier sollten mit dem neuen Schuljahr 1986 die ersten Klassen eingeschult werden


Verkehrsmittel in der Stadt Krasnopolje


Verlassene Häuser in der strahlenverseuchten Zone